Vor der IAA: Deutschlands Autokonzerne unter Druck

Ein Kommentar von Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien und Mitglied des Union Investment Committee: Union Investment | 04.09.2017 12:44 Uhr
Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien und Mitglied des Union Investment Committee / ©  Union Investment
Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien und Mitglied des Union Investment Committee / © Union Investment
Archiv-Beitrag: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

"Wenige Tage vor Beginn der wichtigsten Branchenmesse der Welt ist die hiesige Automobilindustrie öffentlich schwer angeschlagen. Die Dieselproblematik und die Kartellvorwürfe belasten die Konzerne. Es gab schon bessere Zeitpunkte für eine Leistungsschau der Autohersteller. Das alles trifft die Adressen in einer Phase, in der die deutschen Hersteller auch ohne diese Probleme alle Hände voll zu tun haben, um mit den Herausforderungen Schritt zu halten.

Die Automobilindustrie steht vor den größten Veränderungen seit Jahrzehnten. Der Wechsel vom Verbrennungsmotor hin zu alternativen Antriebsformen fordert die Branche ebenso wie Autonomes Fahren, die Umstellung der Mobilitätsgewohnheiten und die digitale Vernetzung. Jedes einzelne dieser Themen hat für sich genommen schon das Zeug für eine Epochenwende.  Wie immer in Umbruchszeiten stehen zudem neue Wettbewerber auf dem Plan und machen den Platzhirschen ihre Pfründe streitig. Dass letztere nun durch eine historisch einzigartige Skandaldichte von ihren Kernaufgaben abgelenkt werden, verheißt nichts Gutes.     

Weitere Rücksetzer nicht ausgeschlossen

Daher ist aus der Perspektive des Investors auch Vorsicht geboten. Die Märkte haben zwar vieles eingepreist, die Risikolage spiegelt sich in den weit unterdurchschnittlichen Bewertungskennziffern von VW, Daimler und BMW wider. Weitere Rücksetzer können aber keinesfalls ausgeschlossen werden. Nach den erheblichen Verwerfungen im Banken- und im Energiesektor unterstreicht nun also die Autoindustrie die Dringlichkeit, Nachhaltigkeitsfaktoren in die Investmentprozesse zu integrieren. Union Investment hat nicht nur, aber auch aufgrund von ESG-Aspekten, das Engagement im Automobilsektor in Summe reduziert.

Nicht alle gleichermaßen betroffen

Gleichwohl: Eine kurzfristige Anlageentscheidung bedeutet kein langfristiges Urteil. Es ist vielmehr so, dass Chancen am Markt vor allem durch eine differenzierte Betrachtungsweise entstehen. Auch dann ist mit Blick auf die Automobilindustrie nicht alles Gold. Es ist aber auch nicht alles Schrott. Denn nicht alle Unternehmen sind in gleichem Umfang in die Skandale verwickelt. Das wird am Markt derzeit nicht ausreichend reflektiert.       


Das Wichtigste in Kürze:               

-) Die deutsche Automobilbranche ist wenige Tage vor der Internationalen Automobilausstellung (IAA) angeschlagen. Die Strafzahlungen und Rechtsrisiken wiegen ebenso schwer wie der globale Reputationsschaden.

-) Angesichts der Skandaldichte und der unübersichtlichen Risikolage hat Union Investment das Engagement im deutschen Automobilsektor reduziert.

-) Die Probleme sind bilanziell nicht existenzgefährdend. Die deutsche Autoindustrie muss ihre Hausaufgaben machen, ist aber trotzdem innovativ und technisch stark.

Wie stark die Meinungen hier auseinandergehen, sieht man auch daran, dass die Akteure am Rentenmarkt den Vorwürfen mit deutlich mehr Gelassenheit begegnen als ihre Pendants an den Aktienbörsen, an denen mit jeder neuen Schlagzeile eine Verkaufswelle ausgelöst wird.

Das liegt daran, dass Anleiheinvestoren einen besonders starken Fokus auf die Bilanzqualität richten. Tatsache ist, und das unterscheidet die Automobilindustrie beispielsweise von der Finanzindustrie der Vor-Lehman-Ära: Die Krise ist schwerwiegend, aber nicht existenzbedrohend.

Die Automobilkonzerne sind bilanziell gesund, berichten starke Umsatzzahlen und Gewinne und verfügen über hohe Liquiditätsbestände. Selbst wenn man in einem Worst-Case-Szenario die höchsten zulässigen Strafen annimmt, können diese über die Nettoliquidität der betroffenen Adressen abgedeckt werden. Das gilt für VW, das gilt für Daimler und das gilt auch für BMW.

Und: Es wäre nicht das erste Mal, dass die deutsche Automobilindustrie fälschlicherweise totgesagt wurde. Die existenzielle Bedrohung durch die japanische Konkurrenz in den frühen 1980er Jahren wurde ebenso erfolgreich gekontert wie der vermeintlich verschlafene Trend zum Einspritzmotor in den 1990ern.

Führende Patente bei Elektromobilität und Autonomem Fahren

Wenn es gut läuft, werden wir bei der IAA die ersten Anzeichen dafür sehen, dass die deutschen Hersteller trotz aller selbstverschuldeten Probleme eine ihrer stärksten Fähigkeiten nicht eingebüßt haben: ihre Innovationsfähigkeit. Beim Thema Autonomes Fahren beispielsweise befinden sich sechs deutsche Namen unter den zehn größten Patentanmeldern der Welt. Die Angstgegner Tesla und Apple sucht man in dieser Wertung vergeblich. Beim Thema Elektromobilität und Hybridantrieb ist Deutschland ebenfalls Patentweltmeister. Salopp ausgedrückt: Die deutschen Hersteller müssen die PS nur noch auf die Straße bringen. In Frankfurt haben sie die Chance zu zeigen, dass sie dafür bereit sind.

Denn grundsätzlich stehen die Chancen gut, dass die aktuelle Krise gemeistert wird.  Vorher muss die Branche ihre Hausaufgaben machen. Das beinhaltet die Strafarbeiten nach den unsäglichen Skandalen ebenso wie die Vorbereitung für die bevorstehenden Prüfungen. Wenn sie hierbei gute Noten einfahren, dann dürfte das an den Märkten honoriert werden."            

Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien und Mitglied des Union Investment Committee

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